Martha Sommerfeld

Episode 3

Ich bin schockiert! Mit 1,75m erfülltt man(n) nicht mehr die erforderliche Durchschnittsgröße. Ich bin sowieso überrascht, dass solche Fragen nach Aussehen und Statur so früh bei diesem ersten telefonischen Abtasten auftauchen. „Man spart einfach Zeit“, sagt sie. Denn sie möchte sich einfach nicht mit einem Mann treffen, der kleiner ist als sie, oder zu dick, womöglich Glatze hat oder gar Bartträger ist und und und… Das kann ja heiter werden.
Immerhin weiß sie, was sie nicht will. Ich muss der Fairness halber dazusagen, dass sie bei einer Körpergröße von 1,70m nur 55kg wiegt, was für mich allerdings nicht von entscheidender Bedeutung ist.

Punkten kann ich, als ich erwähne, das meine beiden Kinder (habe nur zwei zugegeben/ kleine Notlügen werden übrigens akzeptiert lt. Telefongespräch vom …) nicht allzu häufig bei mir aufkreuzen. Welche Konsequenzen kleine Unwahrheiten haben, wird mir in den folgenden Gesprächen bewusst. Wenn ich von meinem Zweitgeborenen spreche, muss ich ab sofort immer der „Kleine“ und nicht der „Mittlere“ sagen.

Ich gebe wirklich alles und tatsächlich läßt sie sich auf eine Verabredung ein. „Manche Männer wirken mit 1,75m gar nicht so klein“, begründet sie ihren Richtungswechsel und  schließlich könne ich ja bei meinem Gewicht kräftig gebaut und müsste nicht unbedingt pummelig sein. Ein kleiner Bauchansatz wäre gerade noch okay.
Bleibt die Frage zu klären: Treffen wir uns in ihrem oder in meinem Stadtteil? „Wir“ nehmen ihren, wobei sie erwähnt, wie wichtig ihr Pünktlichkeit ist.
Kein Problem, denke ich.
Bin sowieso eher der Typ, der eine halbe Stunde vorher am Treffpunkt erscheint. Diesmal ist es umso wichtiger, denn womöglich ist sie die Traumfrau für den Rest meines Lebens. (Ich war überzeugt davon, dass alle anderen Traumfrauen bereits früher an mir vorbei wandelten. Nur immer zu den falschen Zeitpunkten.)

Das Gute bei einem neuen Abenteuer ist, dass man versuchen kann, bestimmte Eigenschaften zu ändern. Also wollte ich dieses etwas pedantische Laster eindämmen und diesmal nur 10 Minuten eher da sein. Ein guter Plan, den ich sofort umzusetzen gewillt war und nicht, wie üblich viel zu früh die Spur aufnahm. Stattdessen folgte ich bei extrem schlechtem Wetter, unvorhergesehenen Umleitungen, passierte diverse Baustellen auf der Autobahn, fuhr am Zielort erst mal schön vorbei… und kam – natürlich! - 10 Minuten zu spät.

Es hatte mehr den Charakter einer polizeilichen Gegenüberstellung, die nach meiner Ankunft auf dem Parkplatz vor dem Restaurant erfolgte. Einen Kommentar über ihre Laune spare ich mir. Wahrscheinlich hatte ihr Auto keine Standheizung...

Der Höflichkeit halber trank sie noch einen Tee mit.
Ich war sowieso zu klein.